Studie: Unterscheiden sich Astronautenbewerber und Piloten in ihrer Persönlichkeit?

Die Sommerzeit habe ich unter anderem zur Recherche nach Studien zu meinem Schwerpunkt »Beruf und Persönlichkeit« genutzt Neben der Auftragsbearbeitung, dem Schreiben von Texten und der verdienten Erholung.

Und wieder einmal war ich überrascht und erfreut, wie viele interessante Studien in den letzten Jahren hierzu veröffentlicht wurden. Erneut zeigte sich auch, wie vielfältig die Anwendung der Erkenntnisse und Methoden der Psychologie ist. Dass die Luftfahrt und die Personalauswahl von Piloten und Fluglosten auf psychologisches Wissen und psychologische Methoden vertrauen, ist zwar weniger neu, doch immer wieder gibt es spannende Nachrichten zu diesem Bereich: Wie der Bericht über die Auswahl von Astronauten.

Das Auswahlverfahren für Piloten gilt als der härteste Einstellungstest überhaupt: Nur wenige erfüllen die hohen Anforderungen an Körper und Psyche und schaffen es bis zum Vertragsabschluss und in den Flieger. Wer es versuchen möchte, der kann sich mittels spezieller Literatur und Simulationen vorbereiten und vielleicht ist er oder sie ja gerade der Passende für den Job.

Und eine Steigerung hierzu ist die Auswahl von Astronauten: Zwar gibt es viele Gemeinsamkeiten in den Anforderungen, und Neil Armstrong hatte, bevor er den Mond betrat, eine lange Tätigkeit als Kampfpilot hinter sich. Doch wie die Autoren der folgenden Studie schreiben, gibt es heute nicht nur sehr hohe, sondern auch vielfältigere Anforderungen an einen Astronauten als in der frühen Zeit der Raumfahrt in den 50er und 60er Jahren. Wie z.B. die Zusammenarbeit in multi-kulturellen Teams in einer Raumstation oder bei einem Flug zum Mars.

Übrigens: Eine wichtige Studie und mit die erste, die die Struktur der Persönlichkeitsmerkmale des bekannten Fünf-Faktoren-Modells mittels dem statistischen Verfahren der Faktorenanalyse auf einem Großrechner von IBM nachwies, wurde in den 60er Jahren bei einem US-Airforce Stützpunkt in Texas von Ernest Tupes und Raymond Christal (1961) veröffentlicht. Seitdem wurden tausende Studien zur Beziehung zwischen Beruf und Persönlichkeit durchgeführt, eine Auswahl habe ich hier zusammengestellt.

 

Studie: Unterscheiden sich Astronautenbewerber von Piloten in ihren Persönlichkeitsausprägungen?

Doch zurück zu den Astronauten und Piloten: Die Psychologen Peter Maschke, Viktor Oubaid und Yvonne Pecena vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Hamburg waren Teil des Gruppe, die die Astronautenauswahl 2008/2009 für die European Space Agency (ESA) durchführten. Über diesen spannenden Auswahlprozess sowie einen Vergleich der persönlichkeitsbezogenen Ergebnisse der Astronauten-Kandidaten mit den Flugpiloten berichten die Autoren in ihrem Artikel "How do astronaut candidate profiles differ from airline pilot profiles?", den die Fachzeitschrift »Aviation Psychology and Applied Human Factors« 2011 veröffentlichte.

Die Kampagne 2008/2009, über die Maschke, Oubaid und Pecena schreiben, war die dritte Astronautenauswahl der ESA – nach der ersten in 1978 für die Beteiligung an der Spacelab-Mission des US Space Shuttle in 1983 und der zweiten 1992 für das Columbus-Projekt der ESA. Wie jeder sich gut vorstellen kann, sind die Anforderungen an einen Astronauten sehr hoch. Doch Maschke und seine Kollegen betonen, ist nicht nur die Höhe der Anforderungen ausschlaggebend für den Erfolg im All, sondern auch die Fähigkeit mit vielfältigen und unterschiedlichen Anforderungen umzugehen.

Besondere leistungsbezogene und psychomotorische Fähigkeiten seien notwendig, doch wie die Experten für Luft- und Raumfahrtpsychologie schreiben: "(...) not a guarantee for high performance at work.  Moreover, a high level of general and professional motivation and cooperation is essential." (S. 38). Dazu gehören laut den Autoren spezifische Aspekte des Verhaltens gegenüber anderen Personen, wie die Fähigkeit sich in einem multi-kulturellen Team zu verständigen. Und dies sei nicht nur sprachlich gemeint, sondern auch in Bezug auf die Anpassungsfähigkeit und Toleranz gegenüber anderen Kulturen.

 

Wie lief die ESA-Astronautenauswahl 2008/2009 ab?

Es gab fünf Stufen im Auswahlprozess der ESA:

  • Online-Bewerbung und Vorauswahl
  • Psychologische Auswahl: Phase 1
  • Psychologische Auswahl: Phase 2
  • Medizinische Auswahl
  • Finale Entscheidung der ESA

 

Grundlage für die Bewerbung als ESA-Astronaut waren formale Qualifikationen wie ein Universitätsabschluss in Naturwissenschaft, als Ingenieur oder in Medizin. Weiter war mindestens eine dreijährige Berufserfahrung oder Erfahrung als Pilot notwendig sowie die Staatsangehörigkeit eines ESA-Mitgliedslandes. Das Höchstalter war 55 Jahre und erforderlich war das medizinische Zertifikat für Privatpiloten (JAR-FCL 3 Class 2 medical certificate), ein europaweit akzeptierter Standard.

Die psychologische Auswahl wurde vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zusammen mit der französischen Weltraumorganisation MEDES durchgeführt und in zwei Phasen aufgeteilt: Die Phase 1 am Hamburger Standort des DLR bestand aus einem Gruppen-Screening, das grundlegende psychologische Fähigkeiten mittels computergestützter Tests und Fragebögen überprüfte. Die Phase 2 fand in Köln an einem Standort der ESA statt: Hier untersuchte das Team unter Leitung von Dr. Peter Maschke die Persönlichkeitsmerkmale und sozialen Kompetenzen der Bewerber mit weiteren psychologischen Methoden wie Teamübungen, einem projektiven Test (durchgeführt vom französischen Partner MEDES) und Interviews.

Der Fachartikel der drei Autoren konzentriert sich dabei auf die Phase 1 der psychologischen Untersuchung und insbesondere auf die Resultate der Persönlichkeitsfragebögen. Die Ergebnisse der Astronautenbewerber vergleichen sie in ihrem Bericht mit den Daten von zwei Pilotengruppen aus Untersuchungen von anderen.

 

Teilnehmer der Phase 1

Bei der Online-Bewerbung von Mai bis Juni 2008 registrierten sich 8.413 Personen. Aus diesen wählten die Entscheider 902 Kandidaten für die Phase 1 aus. Hierunter waren 186 Personen aus Deutschland, weitere 201 kamen aus Frankreich, 102 aus Großbritannien, 77 aus Italien, 60 aus Spanien, 56 aus der Schweiz. Die Übrigen waren Angehörige eines anderen ESA-Mitglieds. 162 Frauen waren unter den 902 Kandidaten, wobei diese Quote von 16% vergleichbar den in anderen technischen Berufen wie Pilot oder Ingenieur ist. Das Alter dieser Bewerbergruppe lag zwischen 24 und 46 Jahren mit einem Mittelwert von 33 Jahren.

 

Psychologische Tests und Fragebögen in der Phase 1

Die computergestützte Testbatterie in Phase 1 der psychologischen Auswahl umfasste Leistungstests und Persönlichkeitsfragebögen. Die Leistungstests prüften grundlegende Funktionen wie Rechnen, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, räumliches Denken, logisches Schlussfolgern, psychomotorische Koordination, Multi-Tasking und Englischkenntnisse.

Als Persönlichkeitsfragebögen wurde zum einen das bekannte NEO Persönlichkeits-Inventar (NEO-PI) eingesetzt, das die Merkmale des weltweit akzeptieren Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeit, die Big Five, misst. Diese grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen bezeichnen Fachleute wie folgt: Emotionale Stabilität (Neurotizismus), Extraversion, Offenheit für Erfahrung, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Eine differenzierte Beurteilung von Personen erlauben die 30 Unterfaktoren (Fassetten) des Instruments.

Zum anderen bearbeiteten die Bewerber einen speziell vom DLR für die Auswahl von Flugpersonal entwickelten Persönlichkeitsfragebogen. Die Ergebnisse der Teilnehmer aus den Persönlichkeitsfragebögen wurden zusätzlich in Phase 2 beim Interview der Bewerber verwendet.

 

Die Ergebnisse zur Persönlichkeit aus Phase 1

Von den 902 überprüften Kandidaten erfüllten 192 (rund 21%) die Anforderungen der Phase 1. Hinweise: Diese 192 Personen wurden zur Phase 2 des Auswahlverfahrens in Köln eingeladen, von denen 46 für die nachfolgende Stufe der medizinischen Auswahl empfohlen wurden. Wie der Artikel von Maschke und seinen Kollegen beschränken wir uns hier auf die Ergebnisse zu den Tests und Fragebögen der Phase 1.

Zur Bewertung der Ergebnisse der Astronauten-Bewerber nutzen die Autoren Daten von Ausbildungspiloten der US Airforce und die Ergebnisse ziviler Berufspiloten. Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse zum NEO Persönlichkeitsinventar.

 

Tabelle 1: Vergleich der Ergebnisse im NEO-Persönlichkeitsinventar zwischen Astronauten-Bewerbern der ESA und Ausbildungspiloten der US Air Force (Vergleichsdaten von Callister et al., 1997)

 

Wie der Vergleich der Ergebnisse zum NEO Persönlichkeitsinventar in Tabelle 1 zeigt, unterscheiden sich die Bewerber um einen Platz im Raumfahrzeug von den Ausbildungspiloten der US Airforce auf vier der Persönlichkeitsdimensionen: Die Astronauten-Bewerber erreichten niedrigere Werte auf der Skala Neurotizismus (sie waren also emotional stabiler) und schätzen sich selbst als offener, verträglicher und gewissenhafter ein. Und diese Unterschiede sind nach Berechnung eines statistischen Tests signifikant, d.h. mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit nicht zufällig entstanden.

Auch beim speziell für die Auswahl von Flugpersonal entwickelten Persönlichkeitsfragebogen zeigen sich Unterschiede zwischen den Astronauten-Bewerbern und 121 Berufspiloten von Fluggesellschaften. Bis auf das Merkmal Empathie finden sich hier statistisch bedeutsame Unterschiede zwischen beiden Gruppen auf allen anderen Persönlichkeitsmerkmalen. Auch bei den Leistungstests zeigten sich Abweichungen.

 

Schlussfolgerungen der Autoren

Nach dem Ende der psychologischen Auswahl in Phase 2 empfahl das Team um Peter Maschke 46 von den ursprünglich 902 Kandidaten für die nächste Auswahlstufe. Überraschenderweise gab es keine Terminabsagen während der Phasen der psychologischen Auswahl: Dies zeige, so die Autoren, wie attraktiv die Karriere als Astronaut sei.

Doch unterscheiden sich die Astronauten-Bewerber tatsächlich in ihren Persönlichkeitsausprägungen von Air Force Ausbildungspiloten, worauf die Ergebnisse zum NEO-Persönlichkeitsinventar hinweisen? Neben einem realen Unterschied zwischen beiden Gruppen, könnte auch die Auswahlsituation die Ergebnisse beeinflusst haben, schreiben Maschke, Oubaid und Pecena. Die Vergleichsgruppe der Ausbildungspiloten bearbeitete ja den Persönlichkeitsfragebogen, ohne Konsequenzen zu erwarten, während die ESA-Bewerber natürlich wussten, dass ihre Ergebnisse bewertet werden.

Ob eine solche Tendenz zum sozial erwünschten Antworten bei den Astronauten-Bewerbern eine Rolle spielte, untersuchten die Psychologen des DLR anhand der zweiten Vergleichsgruppe, den Berufspiloten. Denn diese bearbeiteten den zweiten und speziellen Persönlichkeitsfragebogen für das Flugpersonal ebenfalls in einer Auswahlsituation. Zwar ergaben sich hier geringere Unterschiede in den Resultaten, doch diese waren immer noch statistisch signifikant.

»This supports the assumption that astronaut candidates are to some extent of "specific personality".« – So lautet denn auch die Schlussfolgerung von Peter Maschke, Viktor Oubaid und Yvonne Pecena.

 

Mein Fazit

Das interessante Beispiel aus der Raumfahrt und zu den Piloten macht deutlich, dass:
1. Es besonders für anspruchsvolle Berufe wichtig ist zu wissen, welche Persönlichkeitsausprägungen ein Mensch hat,
2. Berufserfolg und bestimmte Persönlichkeitsausprägungen nach jahrzehntelangen Erfahrungen in der Luft- und Raumfahrt eng zusammenhängen,
3. Persönlichkeitsmerkmale mit sorgfältig konstruierten Instrumenten zuverlässig und effizient gemessen werden können.


 

Quellen
Maschke, P., Oubaid, V. & Pecena, Y. (2011). How do astronaut candidate profiles differ from airline pilot profiles? Results from the 2008/2009 ESA astronaut selection. Aviation Psychology and Applied Human Factors, 1 (1), Seiten 38-44.
Callister, J. D. und andere (1997). Using the NEO-PI-R to assess the personality of US Airforce pilots. Washington, DC: US Government Printing Office (AL/AO-TR-1997-0097).

Mehr
Das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit (Big Five)
Übersicht über Studien zur Persönlichkeit
Artikel: Persönlichkeit: Ihr Erfolg mit den Big Five

Fortsetzung: Nächste Studie
In loser Folge werde ich auf dieser Website weitere interessante Studien zum Thema »Beruf und Persönlichkeit« vorstellen: Denn hunderte PDFs "lagern" noch auf meinem Rechner. Weiter wird es laut Plan mit einer Studie gehen, die bei Bundeswehrsoldaten den Einfluss der Persönlichkeit (Big Five) auf die Berufswahl und die Veränderung von Persönlichkeitsausprägungen durch eine militärische Ausbildung untersucht – Und die belegt, dass ein solcher Veränderungseffekt auch fünf Jahre nach dem Abschied im Zivilleben noch besteht!

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Hinweis: Dieser Beitrag wurde von Stefan Klemens gegenüber eine früheren Version überarbeitet und um wichtige Inhalte ergänzt.